Bildung für nachhaltige Entwicklung

Im Jahr 2002 haben die Vereinten Nationen (UN) für die Jahre 2005 bis 2014 die Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgerufen. Die internationale Initiative will dazu beitragen, die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung weltweit in den nationalen Bildungssystemen zu verankern.

Der Kerngedanke der nachhaltigen Entwicklung sagt aus, dass zukünftige Generationen dieselben Chancen auf ein erfülltes Leben haben sollen wie wir. Gleichzeitig müssen Chancen für alle Menschen auf der Erde fairer verteilt werden. Nachhaltige Entwicklung verbindet wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Gerechtigkeit und dem Schutz der natürlichen Umwelt.

Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte beim Arbeiten und Lernen im GenerationenSchulGarten

Zunächst ist ein Garten selbst ein Ökosystem mit vielen verschiedenen Mikrobiotopen. Diese werden teilweise von den GärtnerInnen selbst gestaltet, teilweise entwickeln sie sich ganz ohne Zutun. Zahlreiche wilde Pflanzen-  und Tierarten nehmen den Garten als Lebensraum an und können hier besonders gut beobachtet und untersucht werden. Ökologisches Gärtnern ist dabei diejenige Bewirtschaftungsform, die nicht gegen, sondern mit der Natur arbeitet, indem sie die ökologischen Gesetze nicht nur respektiert, sondern sogar zur Ertragsoptimierung nutzt.

Der Anbau von Nahrungspflanzen im GenerationenSchulGarten ist ein kleines Modell für die große Agrarwirtschaft. Die SchülerInnen erfahren, wie viel Arbeit und Wissen im Anbau und der Verarbeitung z. B. von Kartoffeln oder Tomaten stecken. Sie lernen, dass nicht alle Lebensmittel das ganze Jahr über zur Verfügung stehen. In einem ganzheitlichen Unterricht wird der Transfer dieser praktischen Erfahrung zur Produktion und zum Konsum von Lebensmitteln, zu den Mechanismen und Problemen der globalisierten Agrarwirtschaft geleistet.

Im Nutzgarten ist die Verknüpfung von ökonomischen mit ökologischen und sozialen Aspekten des menschlichen Lebens besonders eng und gut erfahrbar: Pflanzenbau ist ein Eingriff in das Ökosystem mit Folgen für Tiere und Pflanzen, Boden und Wasser. Pflanzenbau ist aber auch eine menschliche Tätigkeit mit Folgen für die Gesundheit des Arbeiters / der Arbeiterin. Dass die ökologischen und sozialen Folgen des Nutzpflanzenbaus für Mensch und Natur sowohl positiv wie negativ sein können, lässt sich im Garten an konkreten Beispielen lernen.

Ökologische Gärten nutzen das Kreislaufprinzip der Natur (Kompostwirtschaft, Permakultur). Von hier aus ist es nur ein kurzer gedanklicher Weg zur regionalen Kreislaufwirtschaft als Alternativmodell zum globalen Agrarmarkt. Die Verarbeitung und Vermarktung der selbst im GenerationenSchulGarten hergestellten Produkte ist ein kleiner, aber lehrreicher Beitrag zur ökologisch verträglichen und sozial gerechten Wertschöpfung in regionalen Kreisläufen.

Regionalität ist auch das Stichwort für die Auswahl der angebauten Arten und Sorten. GenerationenSchulGärten sind ein idealer Ort für den Erhalt seltener regionaler Zuchtformen. Denn gerade die SeniorInnen können teils  nicht nur von diesen alten Sorten erzählen, manche haben sogar noch Saatgut im Keller, das in den GenerationenSchulGärten zu neuer Bedeutung gelangt. Deshalb kooperiert das GenerationenSchulGarten-Netzwerk auch mit dem Gemüsesorten-Projekt des BUND, Landesverband Rheinland-Pfalz, sowie mit Slow Food („Erhalten durch Aufessen!“).

SeniorInnen werden also in den GenerationenSchulGärten nicht als soziale Bürde wahrgenommen, sondern als wertvolle "Ressource" unserer Wissensgesellschaft. Aber auch die SeniorInnen selbst profitieren davon, als SeniorpartnerIn mitzumachen: Zum einen können sie selbst auch noch viel von den Kindern und Jugendlichen lernen (Lebenslanges Lernen!), zum Anderen können sich die SchülerInnen Service-Learning-Projekte für die Hilfe der SeniorInnen revanchieren und die „Begegnung der Generationen“ vertiefen.

Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln. Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei abzuschätzen, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt.

Wenn Menschen dies lernen sollen, müssen sie besondere Qualifikationen erwerben. Zusammenfassen lassen sich diese Fähigkeiten unter dem Begriff „Gestaltungskompetenz“. Dazu gehört u.a.

  • Gemeinsam mit anderen planen, entscheiden und handeln können
  • Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können
  • Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können
  • Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können
  • Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden
  • Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln
  • Empathie für andere zeigen können
  • Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen
  • Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können
  • Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können

Gestaltungskompetenz lernen im GenerationenSchulGarten

GenerationenSchulGärten sind in besonderem Maße geeignet, Gestaltungskompetenz zu erwerben. Dies soll am Beispiel der o. g. Fähigkeiten gezeigt werden.

  • Gemeinsam mit anderen planen, entscheiden und handeln können

Der GenerationenSchulGarten wird von SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und nicht zuletzt den SeniorpartnerInnen gemeinsam geplant und bewirtschaftet. Es gilt immer wieder Entscheidungen zu treffen (Wer macht wann was? Was wird wo angebaut? Was geschieht mit dem Erntegut? Welche Biotope sollen geschaffen werden? etc.) und danach zu handeln. Und im Garten merkt man sehr schnell, dass Reden allein nicht hilft – denn wenn man sich nicht aktiv um den Garten kümmert, wächst und gedeiht es eben nicht so, wie man es sich vorstellt.

  • Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können

Gartenarbeit ist vorausschauende Arbeit: Wenn ich einen Obstbaum pflanze, muss ich heute schon berücksichtigen, wie groß er werden wird, wenn er ausgewachsen ist, und entsprechenden Standraum einplanen. Wenn ich im kommenden Jahr eine gute Ernte haben will, muss ich im Herbst zuvor den Kompost auf den Beeten aufbringen. Und wenn ich im Herbst einen reifen Kompost haben will, muss ich ihn im Sommer umsetzen. Gartenarbeit ist immer auch ein Berücksichtigen und Nutzen natürlicher Kreisläufe, ein Arbeiten in Anpassung an den Rhythmus der Natur im „Mikrokosmos Garten“. Wer dies frühzeitig lernt, ist später auch in der Lage und willens, die Grenzen, die die globale Natur dem Menschen setzt, zu respektieren.

  • Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können

Ein Garten kann vielfältige Funktionen erfüllen, und so hat jeder ein eigenes Bild vom Garten: Einer möchte Gemüse anbauen, ein anderer möchte dort Ruhe und Erholung finden, ein Dritter will einen Naturgarten mit vielen Kleinbiotopen schaffen. Sich hier darüber bewusst zu werden, was „Garten“ für einen selbst bedeutet, ist ein wichtiger Akt der Selbstreflexion. Und die gemeinsame Planung ist der beste Weg, diese unterschiedlichen Leitbilder erkennbar werden zu lassen – und sich vielleicht durch die Leitbilder anderer inspirieren zu lassen.

  • Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können

Bei der Planung und vor allem der Umsetzung muss ein Konsens zwischen unterschiedlichen Vorstellungen erzielt werden – denn an einer Stelle kann nur eine Pflanze wachsen. Aber der Garten liefert auch vielfältige Gelegenheiten zu Kompromissen, z. B. der Anbau verschiedener Gemüsearten in Mischkulturen oder Fruchtfolgen, das Abwechseln bei unangenehmen Arbeiten wie Unkraut jäten.

  • Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden

Kinder sind im Prinzip leicht motivierbar, ihre Motivation kann aber auch leicht wieder verschwinden, wenn ihre Aktionen keine Resultate erzielen. Außerdem haben Kinder ein „angeborenes“ Interesse für die Natur. Diese beiden Aspekte machen den Garten zum idealen Ort, um die Kette „Interesse – Motivation – Planen – Handeln“ zu einem festen Bestandteil des Lebensstils werden zu lassen. Denn hier können die Kinder ihr Interesse an der Natur in gestalterisches Tun münden lassen: Sie säen, pflanzen und pflegen. Das Ergebnis macht sie nicht nur stolz, sondern schmeckt oft auch lecker. Sie lernen also, dass es Folgen hat, wenn sie handeln – oder auch wenn sie nicht handeln (die Pflanze geht ein oder trägt nicht die erwarteten Früchte oder wird von Beikräutern überwuchert).

  • Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln

Der Garten ist per se ein interdisziplinäres Erfahrungsfeld: Man muss sich biologisches Wissen aneignen und in seinem Handeln berücksichtigen (wer eine Tomate zu früh auspflanzt, muss damit rechnen, dass sie erfriert – denn die Tomate stammt aus frostfreien Regionen). Man braucht handwerkliches Geschick (Richtiges Pikieren ist eine Kunst!). Man muss Messen und Rechnen können (Wie viele Bohnensamen brauche ich für zwei Reihen mit jeweils 3 Metern Länge, wenn im Abstand von je 40 cm je 5 Samen gelegt werden?) usw.

Aber insbesondere ist der Garten ein Ort des ganzheitlichen Lernens – mit Hand und Kopf, aber v. a. auch mit Herz, denn der der tätige Umgang mit der Natur schafft eine unmittelbare Beziehung zu den Lebewesen – jenen, die ich kultiviere, aber auch den anderen, die das von mir Geschaffene als Lebensraum annehmen und die ich (teilweise mit gemischten Gefühlen) beobachten und untersuchen kann.

  • Empathie für andere zeigen können

So entsteht zunächst Empathie für die Pflanzen und Tiere, mit denen die SchülerInnen im Garten unmittelbar zu tun haben. Im GenerationenSchulGarten werden diese Erlebnisse aber nicht einsam, sondern gemeinsam gemacht. Und so entsteht auch Empathie für diejenigen, die mit mir planen, arbeiten, Freud und Leid des Gärtnerns erleben. Und weil es nicht nur Gleichaltrige, sondern Menschen unterschiedlicher Generationen, aber auch unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkünfte sind, mit denen die SchülerInnen zusammen arbeiten, bietet der GenerationenSchulGarten auch die Möglichkeit, sich durch direkte Begegnung und gemeinsames Tun und Erleben dem Fremden zu öffnen – eine elementare Voraussetzung für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben in interkulturellen Gesellschaften.

  • Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen

Gärten sind eine universelle Kulturform. In Gärten kann also nicht nur die regionale Kultur vermittelt werden – wenn dies auch ein wichtiges Anliegen der GenerationenSchulGärten ist, in denen die SeniorpartnerInnen ihr traditionelles Wissen weitergeben können. Vielmehr ermöglicht z. B. der Anbau fremdländischer Kulturpflanzen einen praktischen Einstieg ins Globale Lernen – und in die Integrationsarbeit, wenn z. B. die Ernteprodukte in der Schulküche zusammen mit Eltern zu türkischen, albanischen oder chinesischen Gerichten verarbeitet werden.

  • Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können

Garten ist Landwirtschaft – und damit abhängig von den „Launen der Natur“: dem Wetter und all den Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen, die den Kulturpflanzen schaden können. Vorbeugung ist daher ein wichtiges gärtnerisches Prinzip, das auch für einen nachhaltigen Lebensstil und für nachhaltige Politik charakteristisch ist: Gesunde Ernährung beugt Krankheiten vor, die Vermeidung von Flächenversiegelung beugt Hochwasser vor, Sparsamkeit beugt Verschuldung vor etc.

  • Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können

Im GenerationenSchulGarten arbeiten alle Generationen auf Augenhöhe, denn jeder kann von jedem etwas lernen. Verschiedene Interessen werden gleichberechtigt berücksichtigt, verschiedene Fähigkeiten gleichwertig anerkannt. Kinder erfahren ganz praktisch, dass „die Alten“ nicht nur eine Belastung für die Gesellschaft, sondern mit ihrem Erfahrungswissen ein unverzichtbarer Bestandteil der Bildungslandschaft sind. Im Schulgarten werden generell Kompetenzen aufgewertet, die sonst wenig gefragt sind, z. B. die Fähigkeit der Mütter aus Migrationsfamilien, aus den Gartenprodukten gesunde und schmackhafte Gerichte zu kochen – auch ohne nennenswerte Deutschkenntnisse.